Das Weihnachtswunder von Weissensee

Das Weihnachtswunder von Weissensee

 

Und es begab sich, dass am Ende der Adventszeit, ein Engel mit güldenem Haar vor der Haustür erschien und verkündete: „Die Zeit der Prüfungen und der Unbill seihe nun zu ihrem Ende gekommen. Sieben Jahre der Mühsal seihen nun vorüber und die Zukunft erstrahle nun in einem Leuchten immerda.“
Aus dem Lutherischen ins Berlinerisch übersetzt: „Mach ich doch letztens die Haustüre off, steht die Stellvertretende Bezirksbürgermeisterin grinsend vor mir. Hält ein bedrucktes Faltblatt hoch.
„Hoppla,“ sacht se. „Ich wollte nur einen Flyer in die Briefkästen werfen.“ Wie sie jetzte einen Zettel in sechs Briefkästen stopfen wöllte, war mir zwar rätselhaft, aber ich verstehe nu mal nüscht von Politik.
„Hoppla,“ antworte ich. „Da warn ihre Vasallen schnella. Die hamn ja schon vor na Stunde jebimmelt und die Briefkästen bestückt.“
„Oh. Gut, dann hat das ja geklappt.“
Das Schrift- oder besser Druckstück, um das es hier geht, ist ein Faltblatt der Bezirksverwaltung, die die nun endgültige Beendigung der beinahe siebenjährigen Sanierung der knapp 1070 Meter langen Schönstraße feiert. Mit Dankesworten für die Geduld gefüllt, wie ein Nikolausstiefel.
Pünktlich mit dem Abbau der Bauzäune wurde auch die Einbahnstraßenregelung in der Paul-Oestreich-Str. aufgehoben. Laut gemaulte Sätze wie „Ey, dett iss ne Einbahnstraße, du Vohel!“, werde ich nun wohl vermissen. Nicht vermissen werde ich den pünktlichen Baubeginn um 7:00 Uhr mit Asphaltpicke und Steinsäge. Jetzt müssen wir uns wieder mit dem Laubpuster begnügen.
„Wir wollten eigentlich ein Grillfest für die Anwohner organisieren“, flötet unsere freundliche stellvertretende Bezirksoberin. „Aber wegen der Haushaltssperre hat man uns leider nur den Flyer genehmigt.“
„Schade“, sag ich. „Ick hätte ja ne Blaskapelle awartet, die durch die Straße marschiert. Anjeführt von den Bezirksordonanzen und allen Bauarbeitan, die hier so rumramentert haben. Wir Schönstraßenanwohner hätten dann mit Fähnchen jewunken und applaudiert. Aber naja. So’n Handzettel iss ja och janz nett.“
Der güldene Engel lächelt noch etwas in die Kamera des Assistenten, dann ist die Audienz vorbei. Die Straße öffnet sich endgültig, die ersten Autos ergießen sich auf die in Erwartung glänzenden freien Parkplätze, der erste Rettungswagen tatütert von der Rennbahnstraße her zur Rettungsstelle. Noch stehen ein Toilettenhäuschen und die bemalten Büroeisenkisten von der Bauleitung herum. Aber sicher auch nicht mehr lange. Das Weihnachtswunder von Weissensee findet damit seine Vollendung. Berlin, naja wenigstens, Weißensee, nun freue Dich.
(Jetzt hoffen wir nur, dass sich nicht plötzlich ein versehentlich vergessener wichtiger Sicherheitspinork vom Schnabbadorkel der Rohrschelle i13 im Sektor B 3 in der Jackentasche des Auszubildenden findet oder der Bauleiter sein vermisstes Bauhandy in zwei Meter Tiefe vor der Zufahrt zur Rettungsstelle ortet. Dann müssen die Bagger noch mal ran.)

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